schule mit respekt.

teachers are respectable only as they respect

Sanktionssackgassen und Verstehenschancen.

Sie provozieren, sie widersetzen sich, sie stören, sie ärgern, sie mobben, sie fordern heraus. Die so genannten „Problemschüler“ rauben vielen Lehrern den letzten Nerv und bringen sie an ihre Grenzen.

Die meisten Schulen haben ausgeklügelte Reaktionskataloge entwickelt, um das abweichende Verhalten dieser Schüler zu sanktionieren. Auf Ermahnungen folgen Strafaufgaben oder -Dienste, Disziplinarkonferenzen und wenn nichts mehr geht, bleibt nur noch der Schulverweis. Andere Lehrer, die die Hoffnung nicht aufgeben wollen, begeben sich immer wieder in eine Ermahnungs- / Diskussions- / Provokationsschleife mit den Schülern. Dies bewirkt in der Regel wenig – abgesehen von der eigenen Zermürbung, Frustration und Stress. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Umgang mit „schwierigen Schülern“ von Lehrern als einer der größten Stressoren ihres Berufs empfunden wird.

Ich behaupte, diese Form von Stress lässt sich reduzieren. Und das sogar ganz häufig ohne die oben genannten Disziplinarmaßnahmen. Stattdessen mit einer Chance, die möglicherweise unterschätzt wird. Zweifellos – Regeln und Konsequenzen bei Nichteinhaltung sind nicht nur aus pädagogischer Sicht unumgänglich; Kinder brauchen und wollen Struktur und damit verbundene klare Grenzsetzungen (siehe auch Grenzrespekt). Deshalb soll es hier auch nicht um die Verweichlichung oder gar Aussetzung von Konsequenzen auf „abweichendes Verhalten“ gehen. Vielmehr kann die Reaktion auf das fragliche Verhalten neben der Grenzsetzung auch als Chance des Verstehens wahrgenommen werden. Wenn ich davon ausgehe, dass jedes Verhalten bedürfnisgeleitet ist, steht auch hinter Verhaltensweisen, die sich als problematisch erwiesen haben, ein Bedürfnis, das gar nicht notwendigerweise so destruktiv sein muss, wie die Worte oder Taten zunächst vermuten lassen.

„Warum genau der X oder die Y jetzt mobbt, muss ich doch nicht wissen. Vor allem mal soll er/sie damit aufhören.“ Ein Fokus, der vor allem auf der Grenzsetzung liegt, kann bei manchen Themen effektiv sein. Bei anderen bietet das Verstehen des Motivs jedoch die Möglichkeit, ein Verschieben und Wiederholen der Problematik zu verhindern. Ein positiver (Neben-)Effekt: Die Wertschätzung, die ein Schüler dadurch erfährt, dass die Lehrperson sich ernsthaft interessiert und ihn nicht lediglich für das Fehlverhalten verurteilt, wird sehr wahrscheinlich seine Kooperationsbereitschaft in dieser Sache fördern und auf die Beziehung zwischen den beiden, Lehrer und Schüler, einzahlen.

Wie schaffe ich es also, eine Grenze zu setzen und zwar auf eine Weise, die noch die Möglichkeit zulässt (und sei es zu einem späteren Zeitpunkt) einen Zugang zum Schüler zu bekommen, um zu verstehen, welches Motiv hinter dieser Verhaltensweise steht, um auch darauf reagieren zu können. Denn wenn nicht nur ein Symptom behandelt, sondern das Problem langfristig „geheilt“ werden soll, hilft es, die Ursache für sein Verhalten zu kennen, um auf sie reagieren zu können. Oder mit anderen Worten, ich hole den Schüler da ab, wo er steht – denn, wie schon gesagt, letztlich ist „abweichendes Verhalten“ nichts anderes als der (mal mehr mal weniger verdeckte) Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses.

Es geht also darum, das Bedürfnis, das hinter dem provokanten, aggressiven, aufmüpfigen, ablehnenden Verhalten steht, zu „hören“, einzuordnen und darauf in einer Weise zu reagieren, dass der Schüler sich „abgeholt“ fühlt. Denn das führt in der Regel dazu, dass eine weitere Einforderung zur Bedürfniserfüllung (erstmal) nicht mehr notwendig ist und er das besagte Verhalten einstellt. Anders verhält es sich häufig, wenn der Schüler sich „einfach nur bestraft“ fühlt. Nicht selten führt das langfristig zu keiner Verhaltensänderung oder sogar zu einer Verschlechterung, weil der Schüler sich eben nicht verstanden und möglicherweise sogar stigmatisiert fühlt.

Was heißt das jetzt für die Praxis? Ein Kind, das sich seinen Mitschülern oder dem Lehrer gegenüber aggressiv verhält, kann damit zahlreiche verschiedene Ziele verfolgen, z.B. positive Aufmerksamkeit von seiner Clique, Gerechtigkeit und Solidarität vom Lehrer, negative – weil besser als gar keine – Aufmerksamkeit vom Lehrer u.v.m. Deswegen sanktioniere ich nicht, drücke erstmal nur meine Beobachtung, mein Bedürfnis und meine Bitte aus und schlage eine Verschiebung der Klärung vor: „Max, ich sehe, Du bist gerade aufgebracht. Wir können die Situation gerne nach der Stunde gemeinsam auflösen. Ich brauche jetzt im Moment Ruhe und Aufmerksamkeit, für die nächste Aufgabe und ich möchte Dich bitten, dass Du Dich versuchst dafür auch nochmal zu konzentrieren. Ist es okay für Dich, wenn wir das Thema kurz beiseite legen und gleich noch mal in Ruhe darauf zurückkommen?“. Manchmal ist das Gemüt so hochgekocht, dass das Verschieben nicht klappt. Manche Schulen haben einen Trainingsraum, den man in solchen Situationen als „Timeout“ anbieten kann. Der Grad zur „einfachen Sanktion“ ist hier jedoch schmal und es kommt sehr darauf an, mit welchem Image dieser Raum besetzt ist.

Nicht selten fordern junge Menschen auf indirekte Weise Wertschätzung, positive Rückmeldung und Aufmerksamkeit ein. In einem Vier-Augen-Gespräch nach der Stunde, besteht die Möglichkeit, das Verhaltensmotiv zu verstehen, sich zu versichern, dass man das Bedürfnis richtig „gehört“ hat und eine Vereinbarung für den zukünftigen Umgang mit ähnlichen Situationen zu treffen. Das kann auch beinhalten, dass man sich beispielsweise darüber verständigt, auf welche Weise man diesem Bedürfnis zukünftig entgegenkommen kann, dass es bei dem Schüler ankommt – ohne den eigenen (oder einen anderen) Bedürfnisradius zu tangieren. Teil dessen ist, die eigenen Bedürfnisse, die hier beeinträchtigt wurden (z.B. nach Ruhe, Aufmerksamkeit, u. ä.) ebenfalls klar zu machen und auf diese Weise nicht nur selbst empathisch zu handeln, sondern zu einem bestimmten Grade auch Empathie einzufordern – was vielen Schülern in der Regel leicht fällt, wenn sie zuvor das Gefühl bekommen haben, gehört worden und, auch wenn das Verhalten nicht gut geheißen wurde, als Mensch respektiert worden zu sein.

So viel Zeit hab ich im Schulalltag nicht, mag sich vielleicht der ein oder andere denken. Dann doch lieber den Schüler vor die Tür oder zum Schulleiter schicken, eine Strafarbeit aufgeben oder ähnliches. Aber wird dadurch das Problem gelöst? Nicht selten verschlimmert es sich sogar dadurch, weil der Bestrafte zukünftig noch weniger willens ist zu kooperieren oder – im Gegenteil – auf Rache aus ist und, ganz im Sinne der selbsterfüllenden Prophezeiung – die Etikettierung als Abweichler, die er erfährt, nur noch mehr erfüllt. Das bedeutet Stress, noch mehr Zeitaufwand und Verletzungen, auf die weitere „Verhaltensabweichungen“ folgen, dessen tatsächliche Auslöser nachher nur noch schwerlich zu rekonstruieren sind.

Auch wenn es erst einmal mühselig erscheint, sich so intensiv mit problematischem Schülerverhalten zu beschäftigen – auf lange Sicht spart das Hören und Reagieren auf die Bedürfnisäußerungen, die indirekt hinter besagten Verhaltensweisen stehen, Zeit und Energie. Und – was meines Erachtens mindestens genau so wichtig ist – es gibt dem Schüler das Gefühl respektiert zu werden.

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Kategorien:Beziehung gestalten, Beziehungsarbeit, Herausforderungen

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