schule mit respekt.

teachers are respectable only as they respect

Bedürfnisse im Fokus.

Was haben eigentlich alle Konflikte gemeinsam? Und warum bleibt bei dem Versuch einer Konfliktbewältigung oftmals eine der beiden Parteien auf der Strecke? Wie kann man Konflikte niederlagelos auflösen?

Jeder Mensch hat sie und auch wenn er sich über sie nicht immer bewusst ist, spürt er dennoch ihre Auswirkungen. Sie sind die treibende Kraft eines jeden Verhaltens: Bedürfnisse. Sie spornen uns an, Dinge zu tun oder zu unterlassen, auf bestimmte Art und Weise mit unseren Mitmenschen zu interagieren oder auch eine Interaktion abzubrechen. Sie sind somit auch verantwortlich für Konflikte, denn Konflikte sind nichts anderes als das Aufeinandertreffen von zuwiderlaufenden Bedürfnissen. Zuwiderlaufend heißt hier übrigens nicht, dass es sich um unterschiedliche Bedürfnisse handeln muss, sondern vielmehr, dass das Verhalten des jeweils anderen, das eigene dominante Bedürfnis gerade nicht erfüllt. So können beispielsweise sowohl Lehrer als auch Schüler in einer Unterrichtssituation ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit verspüren; jedoch wird in den meisten Fällen nur für einen der beiden das Bedürfnis erfüllt.

Entweder also stört der Schüler weiter den Unterricht auf der Suche nach Aufmerksamkeit und der Lehrer ist frustriert, fühlt sich gestresst, hat Angst mit seinem Unterrichtsstoff in Verzug zu geraten und fühlt sich möglicherweise in seiner Person nicht ernstgenommen. Setzt wiederum der Lehrer sein Bedürfnis durch, sorgt (aufgrund seines Frustes über die Störung möglicherweise unwirsch) für Ruhe, wird zwar sein kurzzeitig bedrohtes Bedrüfnis nach Aufmerksamkeit wieder erfüllt; der Schüler jedoch fühlt sich – je nach Reaktion des Lehrers – nicht wahrgenommen oder sogar zurückgewiesen. In beiden Fällen liegt ein Konflikt vor, der jedoch in dem hierarchischen Kontext der Schüler-Lehrer-Beziehung entweder nicht oder nur verdeckt ausgetragen wird.

Eine natürliche Situation mag man denken. Es MUSS doch Regeln geben und dazu gehört nun einmal, dass die Schüler dann ruhig sind, wenn der Lehrer es fordert. Außerdem müssen Kinder lernen mit Frustration umzugehen und auch, dass sie nicht immer und zu jeder Zeit im Mittelpunkt stehen. Völlig klar. Meines Erachtens besteht jedoch ein Unterschied zwischen dem Setzen von Grenzen durch Zurücksetzen des Anderen und dem Setzen von Grenzen, um meine Position und damit mein Bedürfnis klarzustellen. Der Unterschied mag zunächst marginal erscheinen, der Effekt jedoch ist umso größer. In dem einen Fall nehme ich das Bedürfnis des Anderen nicht wahr und missachte es vielleicht sogar, indem ich ihn anherrsche, weil er mit seinem Verhalten meine Grenze übertritt. In dem anderen Fall hingegen erkenne ich das Bedürfnis des Anderen und respektiere es, mache jedoch zudem respektvoll deutlich, wo sich mein Akzeptanzradius befindet und was ich in der gegebenen Situation „brauche“. Ich weise den Anderen also nicht in seinem Verhalten oder seiner Person zurück, sondern mache eine Aussage über mich – eine Ich-Botschaft.

Beispiel:

Stört ein oder mehrere Schüler so nachhaltig, dass ich nicht mit dem Unterricht fortfahren kann, mag so etwas aus einem heraussprudeln wie: „Nun seid endlich ruhig! Permanent wird hier nur geredet, langsam reicht es mir!“ 

Alternativ kann ich aber auch sagen: „Mir ist es wichtig, dass jetzt hier Ruhe herrscht. Ich möchte heute noch mit euch xy durchnehmen und dafür brauche ich Ruhe und Konzentration von euch. Also, lasst uns nochmal die letzten 20 Minuten konzentriert zusammenarbeiten.“ Wenn man weiß, dass es einen konkreten Grund für Unruhe in der Klasse gibt, weil beispielsweise in der Stunde zuvor eine Klassenarbeit geschrieben wurde, hilft es, das Verständnis dafür auszudrücken: „Ich merke, dass ihr noch ganz aufgeregt von eurer Klassenarbeit seid. Versucht euch dennoch gleich zu sammeln, denn mir wäre es wichtig, dass wir so in ein bis zwei Minuten starten können. Holt doch schonmal langsam eure Unterlagen heraus und versucht euch zu erinnern, wo wir letzte Stunde aufgehört haben…“.

Wenn sich die Schüler verstanden fühlen, erhöht es ihre Bereitschaft auch der Bedürfnisäußerung der Lehrperson nachzukommen. Es ist also nicht nur eine Methode, um Verletzungen und Gefühlen der Zurückweisungen vorzubeugen, sondern es erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Schüler mitarbeiten und der Bitte nachkommen. Denn nicht selten zahlen es Schüler ihren Lehrern heim, wenn sie immer wieder in ihren Bedürfnissen (u.a. nach Aufmerksamkeit, Partizipation, Selbstwirksamkeit, Anerkennung, etc.) nicht wahrgenommen oder zurückgewiesen werden. Sie arbeiten nicht mit, stören noch mehr, schalten innerlich ab und verweigern Bitten zur Zusammenarbeit.

Nicht allen Bedürfnissen kann zu jeder Zeit nachgekommen werden und – wie gesagt – das sollte auch nicht das Ziel sein. Aber um das Gegenüber für sein Handeln, das die eigenen Bedürfnisse zu verletzen droht, nicht zu scharf zu verurteilen und verbal abzustrafen, hilft es, sich darauf zu besinnen, dass auch das Gegenüber bedürfnisgeleitet handelt. Er agiert – wie man selbst auch –, um anerkannt und gesehen zu werden, einen Nutzen in und aus ihrem Handeln heraus zu spüren und um negative Emotionen, Kognitionen und Zustände, wie Angst, Selbstzweifel und Stress zu vermeiden. Wenn es gelingt, sich dies bei abweichendem Schülerverhalten immer einmal wieder in Erinnerung zu rufen und immer öfter einerseits durch aktives Zuhören auf Bedürfnisse zu reagieren und andererseits die eigenen Bedürfnisse bzw. Grenzen durch Ich-Botschaften respektvoll zu positionieren, können Konflikte niederlagelos aufgelöst oder sogar verhindert werden, bevor sie eigentlich entstehen. Klar kochen manchmal die eigenen Emotionen so schnell hoch, dass die Zurückweisung schon ausgesprochen ist, bevor man nur an „Ich-Botschaft“ denken konnte. Das ist nur menschlich und vor allem auch authentisch… kein Mensch – noch nicht einmal ein Lehrer 😉 – ist perfekt und reagiert auch in für ihn emotionalen Situationen immer gelassen und besonnen. Aber es immer wieder zu versuchen, im Umgang mit (drohenden) Konfliktsituationen die Bedürfnisse in den Fokus zu nehmen, lohnt sich – für einen selbst und für die anvertrauten Schüler.

Buchtipp zur „niederlagen Methode“:

Gordon, Thomas (2012). Lehrer-Schüler-Konferenz. München: Heyne.

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Kategorien:Beziehung gestalten, Beziehungsarbeit

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