schule mit respekt.

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„Lob der Schule“ (Bauer)

Lob der Schule (Bauer)

Gleich zu Beginn stellt Joachim Bauer klar, dieses Werk solle keine Antwort auf Bernhard Buebs „Lob der Disziplin“ sein. In dem viel diskutierten Bestseller hatte der Autor die Abkehr von antiautoritären Erziehungsmethoden gefordert und dafür plädiert, „dienende“ Tugenden und insbesondere die Disziplin in Schulen wieder aufleben zu lassen. An vielen Stellen in „Lob der Schule“ wird jedoch deutlich: Bauer distanziert sich klar von Buebs pädagogischer Philosophie und steht für eine (schulische) Erziehung, die durch Führung und verstehende Zuwendung geprägt ist. Eine aktiv gestaltete, konstruktive pädagogische Beziehung zwischen Lehrer und Schüler sei die Voraussetzung für Motivation und Lernlust – genau hieran hapere es jedoch vielfach.

Aus neurobiologischer Sicht erklärt Bauer, warum Beziehungserfahrungen für die Heranwachsenden so essentiell sind und was passiert, wenn Lehrpersonen es versäumen, dem Hunger der Heranwachsenden nach Wertschätzung und Bedeutung nachzukommen. Denn nicht nur aus lern-, sondern auch aus entwicklungspsychologischer Sicht erweisen sich die Bindungen zu pädagogischen Personen als massiv einflussreich. Wie die Kinder sich im Kontext der Beziehung zu ihren Bezugspersonen wahrnehmen, beeinflusst ihr Selbstbild und somit nicht zuletzt die Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Bauer erläutert außerdem, wie fehlenden Wertschätzung, Wärme und Annahme in diesen (und anderen bedeutungsvollen) Beziehungen die Aggressionsbereitschaft erhöhen können und warum sich psychisch verletzende Erfahrungen neurobiologisch betrachtet nicht signifikant von körperlichen Gewalterlebnissen unterscheiden.

Bauer macht deutlich, dass Beziehungsarbeit nicht nur dem Schüler in seiner persönlichen und lernbezogenen Entwicklung gut tut, sondern auch die Belastung von Lehrpersonen reduzieren kann. Dazu müsse der Lehrer jedoch Abstand von dem Irrtum nehmen, die Schüler wollten einen „politisch korrekten Lehrer“, einen „Menschen ohne Eigenschaften“ (72). Authentizität sei gefragt, das Kennen der eigenen Grenzen und das angemessene Kommunizieren derselben. Da dieser Balanceakt zwischen Grenzen und Emotion, Führung und Verbindung vielfach nicht gelänge, ergibt sich für Bauer die unweigerliche Erkenntnis, dass hier bereits in der Lehrerausbildung Defizite vorliegen. Ausrufungszeichen!

Welche Belastungsfaktoren dem erfolgreichen Bestehen dieses Balaceaktes jedoch tatsächlich im Wege stehen, finden kaum Beachtung. In leicht verständlichen, kurzen und gut lesbaren Kapiteln macht der Neurobiologe und Psychotherapeut zwar deutlich, dass die Notwendigkeit zur konstruktiven Beziehungsgestaltung und entsprechenden institutionellen Anpassungen besteht. Bei der konkreten Umsetzung und der Einordnung in den realweltlichen Kontext eines Lehrers und der damit verbundenen Komplexität an Herausforderungen bleibt Bauer jedoch eher vage. Allerdings müsste hierfür auch ein weiteres Fass aufgemacht werden, vielleicht ein Fass ohne Boden. Zudem können bereits die „zwölf Hinweise zum Auftreten von Lehrkräften“ für viele, die sich schon auf den Weg zu einer aktiveren Beziehungsgestaltung gemacht haben, auf der praktischen Ebene hilfreiche Orientierungspunkte sein.

„Lob der Schule“ ist wirklich ein lohnenswertes Buch, sowohl für Eltern, Schüler und Lehrer und ja, auch diesen oder jenen Politiker dürfte die ein oder andere Passage zum Nachdenken bringen. Laut Bauer kann Bildung nur funktionieren, wenn bei dem Streben nach einer „funktionierende Wirtschaft“ nicht den Fokus auf „menschliches Zusammenleben“ vernachlässigt wird (143). Das geht jeden was an.

Taschenbuch * 144 Seiten * Heyne Verlag * 2008 * 6,95 €

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Kategorien:Buchtipps

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