schule mit respekt.

teachers are respectable only as they respect

Regelverstoß.

„Das Betreten des Geländes ist Unbefugten verboten – Eltern haften für ihre Kinder“, las ich heute morgen auf einem Baustellenschild. Die Eltern werden dabei allerdings nicht für das bloße Spielen ihrer Knirpse auf dem Gelände zur Verantwortung gezogen, sondern wenn es zu einem Schaden kommt und sie nachweislich ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Haben eigentlich auch Schüler für ihre Mitschüler eine Aufsichtspflicht? Bei einem Vorfall, der mir kürzlich zugetragen wurde, scheint genau das wohl von einem Lehrer angenommen worden zu sein.

Er hatte die Regel aufgestellt, dass, für den Fall, dass er zu spät zum Unterricht käme und nach Stundenbeginn noch Schüler auf dem Gang herumlaufen würden, die gesamte Klasse eine Strafarbeit bekäme. Jedes Kind sollte seine Mitschüler im Auge haben und den „Übeltäter“ im Zweifel ermahnen. Offenbar war vor allem die Tatsache, dass der betreffende Lehrer regelmäßig zu spät zum Unterricht kam, Auslöser dafür, dass er es für nötig ansah, hierfür eine Regel festzusetzen. Somit dauerte es nicht lange, dass der Pauker wieder einmal zu Stundenbeginn noch nicht aufgetaucht war und ein paar übermütige, noch pausenlaunige Jungs trotz strenger Ermahnungen einiger regelbewusster Mitschüler auf dem Gang herumliefen. Es kam wie angekündigt; nach Eintreffen des Lehrers wird die gesamte Klasse zu einer Strafarbeit verdonnert. Ein Gedicht schreiben. Bis zur nächsten Stunde.

„Kollektive Bestrafungen gibt es bei uns nicht“, meint dazu zu Hause die Mutter eines Mädchens und versichert ihrer Tochter, sie müsse die Strafarbeit nicht machen. Klar hat sie selbst auch wenig Lust dazu, sich als Strafarbeit mal eben ein Gedicht aus dem Ärmel zu zaubern, zumal sie selbst ja noch nicht einmal zu den „Flurläufern“ gehört hat. Aber was soll sie dem Lehrer sagen, wenn er nach dem Gedicht fragt? „Wenn Herr M. Fragen hat, kann er sich gerne an mich wenden“, versucht die Mutter sie zu beruhigen. Zusammen mit einem anderen Mädchen, dessen Eltern ebenfalls von der Gruppen-Sanktionsmaßnahme nicht angetan waren, taucht sie in der nächsten Stunde also als einzige ohne Strafgedicht auf. Was mit den beiden fehlenden Gedichten wäre, will der Pauker wissen. 30 plus 1 Augenpaar auf zwei errötete Gesichter gerichtet. Mist. Beide geben zu, die Strafarbeit nicht gemacht und dies auch mit ihren Eltern besprochen zu haben. „Ihr wollt also eure gesamte Klasse im Stich lassen?“. Das sitzt.

Die Aufforderung eines Lehrers an seine Schüler für seine Mitschüler eine Aufsichts-, Erziehungs- und Kontrollaufgabe zu übernehmen, entsteht sicherlich aus einer Not heraus, auch dann die Kontrolle zu behalten, wenn man sie gerade selbst nicht aktiv übernehmen kann. Aber in was für eine Lage bringt man damit die betreffenden Schüler und welche Botschaft vermittelt man ihnen dadurch? In dem oben geschilderten Fall, scheint weder die Regel, noch die Konsequenz zu Ende gedacht zu sein. Denn eine Kollektivstrafe zu verhängen, wenn die Kids ihrer völlig ungerechtmäßig zugetragenen Aufsichts“pflicht“ nicht nachkommen können, weil einzelne Bengel nicht zu bändigen waren oder man sich verständlicherweise geweigert hat seine Mitschüler zu erziehen, kann man durchaus als grenzüberschreitend ansehen. Und was macht es wohl mit einem Kind, dass  – weil es sich, wenn auch unterstützt durch die Eltern, dieser absurden Strafe entzieht – vor der Klasse bloßgestellt und als Verräter an den Pranger gestellt wird? Möglicherweise denkt es sich spätestens dann, „warum haben ich dieses blöde Gedicht nicht einfach geschrieben“. Aber kann das die Lösung sein? Als Angst vor den Konsequenzen sich mit in Sippenhaft nehmen lassen?

Was tut man als Eltern in einem solchen Fall? Alles auf sich beruhen lassen und den Lehrer weiterhin seine autoritären Machtmethoden ausüben lassen? Wenn man sich dafür entscheidet, in ein klärendes Gespräch den Klassenlehrer und/oder Schulleiter mit einzubeziehen, sieht man sich häufig mit dem Dilemma des Schulleiters konfrontiert, der sowohl Solidarität mit seinen Lehrkräften zeigen, als auch die Angelegenheit so klären möchte, dass die Mutter oder der Vater ihm nicht so bald wieder auf’s Dach steigt. Die Frage ist, was wäre in diesem betreffenden Fall eine realistische Lösung? Die größte Angst des Lehrers wird sein, entweder vor dem Schulleiter, oder vor den Eltern oder vor den Schülern – oder vor allen – das Gesicht zu verlieren. Somit ist die Wahrscheinlichkeit, dass er einlenkt, eher gering und in den meisten Fällen sind am Ende die Schüler die Leitragenden. Nicht zuletzt deswegen sind viele Eltern so mutlos, dass sie bereits im Vorhinein ein Gespräch mit der Lehrperson als aussichtslos ansehen. Also als Eltern lieber raushalten und darauf hoffen, dass das Kind diesen Konflikt allein löst oder er sich von selbst irgendwann auflöst?

Der beschriebene Vorfall ist sicherlich nur eines von vielen Beispielen für Situationen, in denen Eltern und Schüler ratlos sind, wie sie mit Lehrerverhalten umgehen sollen, das nicht nur demokratische Werte, sondern auch die Integrität des jungen Menschen verletzt. Einige Schulen beschäftigen Schulsozialarbeiter, an die man sich in solchen Fällen wenden kann. Bei nicht unmittelbar auflösbaren Krisen hilft auch der schulpsychologische Dienst, der mit den Betreffenden sowohl Einzel- als auch Gruppengespräche führt, Ansprechpartner für Eltern, Schüler, wie auch für Lehrer ist und mit den Beteiligten eine niederlagelose Lösung sucht. Manchmal geht es vielleicht nicht ohne einen neutralen Dritten, der sowohl die Ängste der Eltern, als auch die Befürchtungen des betreffenden Lehrers versucht zu verstehen und unter Berücksichtigung dieser oftmal unausgesprochenen Aspekte, die aber die gesamte Gesprächsdynamik bestimmen für eine Annäherung zu sorgen.

Aber wie kann man als Lehrer vorbeugen und Regeln aufstellen, ohne sich anschließend in einem pädagogischen Dilemma wiederzufinden? Grenzen geben Orientierung und Struktur und sind daher unerlässlich für ein respektvolles schulisches Miteinander. Aber um gegenseitig den Respekt wahren zu können sollten Grenzen gesetzt werden, ohne an anderer Stelle Grenzen zu überschreiten. Wie das gelingen kann: Demnächst in dem Beitrag Grenzrespekt.

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Kategorien:Beziehungsarbeit, Herausforderungen

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