schule mit respekt.

teachers are respectable only as they respect

Kränkung durch fehlende Anerkennung.

In kaum einem Beruf sind Burnout und andere Belastungssyndrome weiter verbreitet als im Lehrerberuf. Aber warum wird dieser Beruf vielfach als so außergewöhnlich stressig erlebt? Die individuellen Gründe sind zahlreich und vielfältig. Aus Sicht des Psychotherapeuten und Buchautors Joachim Bauer wird das hohe Stresslevel bei Lehrern vor allem durch das unausgewogene Verhältnis von Verausgabung und Anerkennung verursacht. Eine geringes Maß an Wertschätzung stehe stetig steigenden fachlichen, körperlichen und psychologischen Anforderungen gegenüber (vgl. Interview mit Bauer bei news.4teachers.de). Zudem zeigt eine Studie der Potsdamer Forscher Schaarschmidt, Arold & Kieschke (2000: 13), dass das „Verhalten schwieriger Schüler“ – im Vergleich zu 22 weiteren Faktoren (darunter: Klassenstärke, Stundenzahl und Stofffülle) – die mit Abstand stärkste Belastung für Lehrkräfte bedeuten. Wie hängt das zusammen?

Der „schwierige Schüler“

Was macht „schwierige Schüler“ schwierig und „Problemschüler“ zu einem Problem? Die expliziteste Erklärung liegt vermutlich darin, dass diese Schüler nicht zuhören, den Unterricht stören, Regeln brechen, dem Lehrer widersprechen, und vieles mehr tun, was die Lehrkraft davon abhält mit dem Unterricht in der geplanten Weise fortzufahren. Aber was steckt eigentlich hinter der Unterrichtsstörung? Was macht sie so deutlich belastender alles viele andere schulische Stressfaktoren? Zunächst einmal löst häufig das Verhalten so genannter „schwieriger Schüler“ Zeitdruck aus. Aufmerksamkeit muss zurückgewonnen werden, oftmals wird der Schüler ermahnt, vielleicht stört er ungeachtet dessen weiter, hört weiterhin nicht zu und lenkt obendrein auch noch eine Gruppe Mitschüler ab. Auch verbale und körperliche Angriffe gegen den Lehrer sind keine Ausnahmen mehr. Um Störungs- und Konfliktsituationen wieder unter Kontrolle zu bringen, bedarf es jedoch nicht nur Zeit, sondern auch ein Repertoire pädagogischer Fertigkeiten, die die Klärung und friedvolle Auflösung der Störungssituation ermöglichen. Da sich solche Vorfälle jedoch oft innerhalb weniger Minuten abspielen und der Lehrperson somit nur eine Reaktionszeit weniger Sekunden bleibt, führen nicht alle Störungen und Konflikte zu einem schnellen und niederlagelosen Ende. Dies hängt neben der Reaktionszeit jedoch auch damit zusammen, was „schwieriges Schülerverhalten“ dem Lehrer implizit vermittelt, dessen Reaktion er spürt, ohne sich dessen notwendigerweise bewusst zu sein: So signalisieren Unterrichtsstörungen, fehlende Aufmerksamkeit und rebellisches Schülerverhalten dem Lehrer indirekt eine Geringschätzung. Eine Geringschätzung des Unterrichts, der Inhalte, der Art der Vermittlung und letztlich eine Geringschätzung des Lehrers selbst. Oftmals ist dies jedoch lediglich die ungewollte Folge einer ganz anderen Bestrebung des agierenden Schülers: er stört vielleicht, weil er nach der Aufmerksamkeit des Lehrers ruft oder wird aufmüpfig, weil er sich die Anerkennung seiner Mitschüler erhofft. Ein anderer hört nur deshalb nicht zu, weil ihn etwas bedrückt oder er – banalerweise – zu wenig Schlaf bekommen hat.

Machtdemonstration

Vielfach führt das Gefühl von Hilflosigkeit, nicht zu wissen, wie den betreffenden Schülern Einhalt zu gebieten ist, gepaart mit dem (oft nicht bewussten) Gefühl, in seiner Funktion als Autoritätsperson, Fachvermittler, Vorbild und Mensch geringgeschätzt worden zu sein zu einer Reaktion, die möglicherweise wiederum auf die Schüler verletzend wirkt. Bis in die 1970er Jahre wurde die lehrerseitige Machtposition vor allem durch körperliche Züchtigung verteidigt; inzwischen spielt sich die Machtdemonstration überwiegend auf der verbalen Ebene ab, was zwar in aller Regel keine disziplinarischen Konsequenzen, wohl aber mitunter gravierende psychische Auswirkungen auf die Schüler hat (vgl. Krumm & Weiß 2005; siehe auch der Beitrag „Machtgebrauch„). Nicht selten führen verbale Kränkungen durch Lehrer, die vermutlich nicht zuletzt ebenfalls durch als kränkend empfundenes Schülerverhalten motiviert sind,  zu Wut und Aggression bei Schülern, die sich anschließend wiederum ihrem Lehrer gegenüber ablehnend verhalten. Auf diese Weise entsteht ein Kränkungskreislauf aus wechselseitigen gewollten und ungewollten Verletzungen als Reaktion auf den Eindruck geringgeschätzt oder sogar abgelehnt zu werden.

Anerkennung heilt Kränkungen

Zu einem Kreislauf wird es vor allem deshalb, weil keine Bewusstheit darüber herrscht, dass es sich um ein Interpunktionsproblem handelt, sprich, dass jede Seite annimmt reaktiv, also lediglich in Reaktion auf das provozierende Verhalten der anderen Seite zu handeln. An dieser Stelle bietet Supervision dem Lehrer gute Möglichkeiten, die fraglichen Situationen rückblickend zu verstehen. Eine Erkenntnis kann sein, dass beide Seiten vor allem entlang eigenen Bedürfnissen agiert, die selten eine Schädigungsabsicht implizieren, sondern vielmehr anerkannt, gewertschätzt, gesehen zu werden. Es ist nicht auszuschließen, dass jene Lehrer, die ihren Schülern Anerkennung verwehren, selbst den Eindruck haben, nicht genügend Anerkennung zu bekommen. Und in der Tat ist der Lehrerberuf bisher nicht prädestiniert für ein besonders hohes Maß an Wertschätzung. Potentielle Feedbackgeber wären Lehrerkollegen, Schulleiter, Schüler oder Eltern der Schüler – und wie ausgewogen in den meisten Fällen das Verhältnis zwischen Kritik, Abwertung und Geringschätzung auf der einen Seite und Lob, Anerkennung und Wertschätzung auf der anderen Seite ist, lässt sich leicht ausmachen. So ist es kaum verwunderlich, dass viele Lehrer ablehnend und manchmal schroff auf Schülerverhalten reagieren, in dem sie implizit eine weitere Ablehnung ihrer Person verstehen – auch wenn diese nicht intendiert war. Das „Entschlüsseln“ einer solchen Situation ist oftmals erst rückblickend möglich und auch nur dann, wenn über die beschriebenen Prozesse Bewusstheit herrscht. Und selbst dann braucht es manchmal die Sicht von außen, zum Beispiel eines Coaches oder einer Supervisionsgruppe, die bei der Reflexion unterstützen kann.

Der Lehrer als Beziehungsexperte

Gerade auf menschlicher Ebene wird den Lehrern in ihrem Beruf einiges abverlangt, auf das sie in ihrer Ausbildung nicht vorbereitet werden. Sie sind Spezialisten ihres Fachs, oftmals jedoch (noch) keine Experten für das Gestalten zwischenmenschlicher Beziehungen, das Verstehen der Bedürfnisse hinter den erlebten (und eigenen !) Verhaltensweisen und für das psychosoziale Fördern der ihnen anvertrauten heranwachsenden Generation. Aber gerade das scheint essentiell zu sein – für das Miteinander zwischen Lehrern und Schülern, aber auch für die eigene Gesundheit und Arbeitszufriedenheit.

Krumm, V. & Weiß, S. (2005). “Was Lehrern Schülern antun. Ein Tabu in der Forschung über Gewalt in der Schule.” In: Grundner, H.-U. (Hrsg.): Und nun endlich an die Arbeit! (S. 252-266). Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren.

Schaarschmidt, U., Arold, H. & Kieschke, U. (2000). Die Bewältigung psychischer Anforderungen durch Lehrkräfte. (Informationen über ein Forschungsprojekt an der Universität Potsdam).

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Kategorien:Beziehungsarbeit, Herausforderungen

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1 Antwort

  1. Wie wahr!
    und die Liste der Schwierigkeiten, Übergriffe, Kränkungen, Widrigkeiten lässt sich fortführen.

    Niemand würde freiwillig zugeben in dieser Form der menschlichen Begegnung inkompetent zu sein, schon gar nicht als Lehrer. 😉 Dennoch meine Frage:
    WO kann diese Art der Vorbereitung des Lehrers umfänglich, stetig und supervisorisch als Dauereinrichtung geschehen? Es scheint ja ein Prozess zu sein und keine mathematische Formel. ;-D
    An der Uni und im Referendariat sind diese Bereiche eher nicht bis gering belichtet.
    Mein Eindruck scheint zu sein, dass DIESE Kompetenzen – Kernkompetenzen sind, deren Erwerb maßgebliche Voraussetzung für Akzeptanz, Respekt, Bereitschaft und Unterrichtung im besten Sinne sind?! … und natürlich der persönlichen, menschlichen Begegnung an sich.

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