schule mit respekt.

teachers are respectable only as they respect

Eine Frage der Haltung.

Erfolgreiche Beziehungsarbeit ist eine Frage der Haltung. Man braucht „nur“ allen Schülern gegenüber positiv, wohlwollend und unvoreingenommen eingestellt sein, dann entsteht quasi von alleine ein Beziehungsklima, das eine konstruktive fachliche und persönliche Interaktion zwischen Lehrern und Schülern deutlich erleichtert. Klingt das nicht irgendwie zu einfach – vor allem vor dem Hintergrund eines Schulalltages, der von so viel Stress, Unwägbarkeiten und Druck von oben, unten, innen und außen geprägt ist?

 Begrenzte persönliche Ressourcen 

Selbst wenn man am Anfang des Schuljahres noch ganz guter Dinge ist, hat man vielleicht bei dem ein oder anderen herausfordernden Schüler oder bei einer ganzen Klasse spätestens bis zu den Herbstferien schon den Kaffee auf. Wenn der Stresspegel äquivalent zu den Korrekturbergen steigt, man im Stoff ohnehin schon hinterher hängt und dann auch noch eine Reihe pubertierender Jungs und Mädels bändigen muss, wird das Wohlwollen auf eine harte Probe gestellt. Das Bedürfnis, all den eigenen und fremden Anforderungen – vor dem Hintergrund, der ohnehin schon begrenzten persönlichen Ressourcen – mit einem verkraftbarem Aufwand Herr werden zu können, steht dabei zunächst an allererster Stelle. Da bleibt gefühlt kaum noch Kraft, um jetzt noch die eigene Haltung zu hinterfragen. Irgendwie wird es schon so gehen, denkt man sich vielleicht, denn so ist es ja immer gegangen. Irgendwie.

Schüler als Stressquelle 

Zudem sehen Lehrer „schwierige Schüler“ häufig als oberste Stressquelle (vgl. Schaarschmidt et al. 2000); wie groß kann da noch die Motivation sein, Energie darauf zu verwenden, die mit negativen Assoziationen behaftete Haltung zu verändern? Der Neurobiologe und Bildungsexperte Prof. Gerald Hüther sagt in seinem Artikel „Zur Bedeutung von Geist und Haltung aus neurobiologischer Sicht“, unsere Haltung speise sich aus den Erfahrungen, die wir machen. Wenn Schüler also für eine Vielzahl an Lehrern Stress bedeuten und somit einen Zustand hervorrufen, den wir – zumindest in negativer Ausprägung – ablehnen, so ergibt sich daraus für eine mindestens ebenso große Zahl an Lehrern eine ablehnende Haltung ihren Schülern gegenüber – und besonders gegenüber denen, die unserer Wahrnehmung nach den eigenen Stresspegel erhöhen: die Unterrichtsstörer, die Zuspätkommer, die Träumer und all die anderen Normabweicher.

 Beziehungsarbeit zur Stressreduktion

Allerdings benötigen wir genau diese wohlwollende Haltung gerade in Stresssituationen besonders. Denn eine solche Haltung ist die Basis für eine funktionierende Beziehungsarbeit, die gemäß Erkenntnissen der Psychologen Prof. Joachim Bauer und Dr. Thomas Unterbrink (vgl. Unterbrink 2008) das subjektive Stressempfinden von Lehrern verringern soll. Der Schlüssel scheint also darin zu liegen, selbst in kraftzehrenden, stressbeladenen Situationen eine positive und wertschätzende Haltung gegenüber unseren Schülern aufrecht erhalten oder entwickeln zu können; auf diese Weise kann durch konstruktive Beziehungsarbeit mit unseren Schülern eine gute menschliche Grundlage geschaffen und durch die veränderte Perspektive der empfundenen Stress reduziert werden. (Zum Nutzen von Beziehungsarbeit und zu den Auswirkung von vernachlässigten Schüler-Lehrer-Beziehungen siehe auch folgende Beiträge: „5 Minuten Beziehungsarbeit„, „Lebenslanges Beziehungslernen“ und „Machtgebrauch„).

 Erfahrung ist Bewertung

Haltungen sind jedoch häufig über eine lange Zeit gefestigte Überzeugungen, die immer wieder durch gemachte Erfahrungen genährt werden, die wir entsprechend unserer mit der Haltung verknüpften Erwartungen einordnen. Sind Haltungen dann überhaupt veränderbar? Um diese Frage beantworten zu können, möchte ich gerne ein imaginatives Beispiel nennen. Herr Müller und Frau Meier unterrichten beide seit einer Weile in Klasse 8c. Wenn man Herrn Müller zu der Klasse befragen würde, könnte er etwas sagen wie: „Die 8c ist derzeit unerträglich. Die meisten Schüler hören nicht zu, schwatzen ständig und werden unverschämt, wenn man sie ermahnt. Sie haben einfach keinen Respekt mehr vor Autoritätspersonen.“ Würde man Frau Meier zu der gleichen Klasse befragen, würde sie vielleicht etwas sagen wie: „Im Prinzip ist die 8c eine nette Klasse, aber derzeit fällt es mir schwer, sie bei Laune zu halten. Vielleicht liegt es an der Pubertät, aber das Mitteilungsbedürfnis untereinander scheint im Moment besonders hoch zu sein. Wahrscheinlich haben sie grad alles mögliche im Kopf, nur nicht Schule.“ Die gleiche Klasse und zwei völlig verschiedene Bewertungen ähnlicher Erfahrungen. Das soll kein Plädoyer dafür sein, schwatzende Schüler gewähren zu lassen und Unterrichtstörungen großmütig auszuhalten (ich bin durchaus ein Freund von klar und wohlwollend formulierten Grenzen). Vielmehr soll es zwei Dinge zeigen: erstens, dass unsere Haltung von unseren persönlichen Bewertungen abhängt und, zweitens, dass wir uns durch unsere jeweiligen Bewertungen entweder den Weg für Veränderungen der Situation ebnen oder diesen erschweren können.

 Chance auf Veränderung 

Mit der ersten Perspektive versetzt man sich selbst in eine machtlose Situation. Denn wie wahrscheinlich ist es, dass sich die Schüler durch das, was Herr Müller möglicherweise aus seiner Haltung heraus kommuniziert, motiviert fühlen etwas zu ändern? Sicherlich werden die Schüler seine ablehnende Haltung spüren und maximal aus Angst und gelernter Unterwürfigkeit seinen Aufforderungen nachkommen. Wie förderlich das wiederum für das Beziehungsklima ist, kann man sich ausmalen. Mit einer eher wohlwollenden, respektvollen und verständnisvollen Haltung stehen die Chancen für eine Veränderung der Situation sicherlich deutlich besser. Denn jeder von uns kommt – wie die Schüler auch – wohl lieber einer Bedürfnisäußerung von jemandem nach, bei dem wir spüren, dass er uns wohlgesonnen ist, als einer Aufforderung, die eine respektlose und abweisende Einstellung uns gegenüber vermittelt.  

Nutzen einer veränderten Bewertung visualisieren – und erleben

Eine Haltungsänderung ist möglich – wenn wir erkennen, welchen Nutzen uns eine veränderte Bewertung bringt. Deshalb kann es helfen, wenn wir uns vor Augen führen, was unsere jetzige Haltung auslöst und es damit vergleichen, wie wir uns fühlen wollen, was wir erleben wollen und welche Gedanken dafür förderlich sind – wenn wir also unseren Status Quo mit dem Wunschzustand vergleichen:

Wie ist meine derzeitige Haltung einer Klasse/einem Schüler gegenüber? Welche Erfahrungen haben mich zu dieser Überzeugung gebracht? Wie habe ich diese Situationen bewertet? Welche Gefühle hat das bei mir ausgelöst? Welche Konsequenzen haben meine jetzige Haltung auf mich und den Umgang mit meinen Schülern?

Bin ich mit dem Resultat zufrieden, ist meine Haltung für mein eigenes Empfinden und vermutlich auch im Kontext der Beziehungsarbeit konstruktiv. Bin ich nicht zufrieden, kann ich mir folgende Fragen stellen:

Kann ich die erlebten oder ähnliche Situationen auch anders bewerten? Welche Gefühle würde das bei mir auslösen? Welche Konsequenzen hätte die daraus erwachsene Haltung auf mich und den Umgang mit meinen Schülern?

Gefallen mir die Antworten besser als die vorherigen, ist die Basis für eine Veränderung bereits geschaffen. Denn auf diese Weise führe ich mir nicht nur mein Ziel vor Augen (beispielsweise: positive Gefühle und ein wertschätzender und respektvoller Umgang mit den Schülern, die aufgrund dieser guten Beziehungsbasis meine Bedürfnisse ebenso ernst nehmen, wie ich ihre), sondern ich weiß gleichzeitig auch, welche Bewertung bzw. welche Gedanken mir helfen, um dieses Ziel zu erreichen.

Vom Trampelpfad zur Autobahn

Das ist ja alles schön und gut, werden Sie vielleicht denken, aber ich kann doch meine Gedanken nicht immer steuern – die fließen doch von ganz alleine. Das stimmt… und das tun sie nicht nur irgendwie, sondern genau entlang den gewohnten gedanklichen Bahnen. Alles, was wir so erleben, denken und fühlen versuchen wir auf ein uns bekanntes Schema zu verarbeiten und einzuordnen. Das Gehirn „denkt“ da ganz pragmatisch und wählt immer erstmal einen bekannten Weg – einen Gedankenweg, den es schon abertausende Male „gegangen“ ist und deshalb zu einer breitspurigen Verbindung zwischen zwei Punkten geworden ist: zwischen Problem und Problembeseitigung oder Problemlösung – je nachdem. Je häufiger eine Situation auf diese bekannte Art und Weise bewertet  und angegangen worden ist, desto breiter ist die gedankliche Autobahn. Eine Haltungs- und Bewertungsalternative ist also zu Beginn wie ein kaum begangener, unbefestigter Trampelpfad. Wir wissen vielleicht, dass er uns zu einem Ziel führt, das uns besser gefällt als das Ziel der Autobahn, aber ihn zu begehen ist – zunächst – deutlich beschwerlicher und mit mehr Aufwand verbunden als der Weg über die breite, gut asphaltierte Autobahn. Es braucht also anfangs eine gute Portion an Reflexion des eigenen Verhaltens, Visualisierung des Ziels und regelmäßige Bewusstmachung des Nutzens von förderlichen Gedanken, um nicht unbewusst wieder auf den bequemen, gut bekannten (gedanklichen) Weg abzubiegen. Je häufiger wir diesen alternativen gedanklichen Weg aber wählen, desto breiter wird dieser (wie auch die dazugehörige Verbindung im Gehirn) und umso leichter fällt es uns mit der Zeit diesen Weg zu gehen. Haltungsänderungen brauchen Bewusstheit, einfach deshalb, weil wir alternative Haltung und die damit verbundenen Bewertungen neu erlernen müssen. Ähnlich wie beim Autofahren lernen muss zu Beginn jeder Schritt bewusst getan werden, bevor irgendwann alles automatisiert abläuft und wir gar nicht mehr wissen, wie wir von A nach B gekommen sind.

„Nur“ eine positive Haltung? – Ein erster Schritt.

Um auf den Eingangskommentar zurückzukommen, für eine förderliche Beziehungsarbeit brauche man „nur“ eine positive Haltung: Natürlich erreicht man eine Haltungsänderung nicht durch Umlegen eines gedanklichen Schalters. Es braucht vor allem zu Beginn immer wieder die bewusste Selbstreflexion, was insbesondere in schulischen Stresssituationen alles andere als ‚mal eben‘ zu leisten ist. Aber vielleicht motiviert die Positivspirale, die man schon durch die ersten Schritte in Richtung Respekt und  einer wohlwollenden Haltung auslöst: man erhöht die Wahrscheinlichkeit durch das eigene Wohlwollen von den Schülern ebenfalls wohlwollend betrachtet zu werden und kann eine aktive Beziehungsgestaltung initiieren; auf diese Weise lässt man das Gefühl der Machtlosigkeit hinter sich und hat die Möglichkeit, das persönliche Erleben aktiv mitzugestalten und so das subjektive Stressempfinden zu senken. Das wiederum erleichtert eine wohlwollende Haltung, die sich erneut auf Seiten des Gegenübers potenziert usw. Der erste Schritt ist – wie so häufig der schwerste – aber ich bin mir sicher, es lohnt sich.

Schaarschmidt, U., Arold, H., Kieschke, U. (2000). Die Bewältigung psychischer Anforderungen durch Lehrkräfte. (Informationen über ein Forschungsprojekt an der Universität Potsdam).

Unterbrink, T. (2008). „Beziehungskompetenz stärken. Lehrer-Coachinggruppen nach dem Freiburger Modell.“ SchVw Spezial 2, 33-35.

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Kategorien:Beziehung gestalten, Beziehungsarbeit

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