schule mit respekt.

teachers are respectable only as they respect

Noten mit Respekt.

Respektvolle Noten – ist das nicht schon ein Widerspruch in sich? Kann die Reduzierung eines Menschen auf eine Zahl respektvoll sein?

„Die Note bezieht sich doch nur auf die Leistung“, werden jetzt vielleicht einige sagen, „eine schlechte Note ist doch keine Respektlosigkeit gegenüber der Person ansich.“ Sehen das die Schüler auch so? Eine Studie zu kränkendem Verhalten von Lehrpersonen von Krumm & Weiß (2005) – siehe auch Machtgebrauch – zeigt, dass ungerechte Leistungsbeurteilung und unfaire Behandlung durch Lehrer von den Schülern als die häufigsten Kränkungen in der Schulzeit erlebt wurden: 79 % aller befragten fühlten sich schon einmal ungerecht beurteilt und 73 % unfair behandelt. Über die Hälfte der Befragten haben dies als „schwere“ bis „sehr, sehr schwere“ Kränkungen erlebt (vgl. Krumm & Weiß 2006). Als Folge wurde nicht nur der Lehrer und das Fach abgelehnt, sondern eine Vielzahl fühlte sich niedergeschlagen (68 %) und entmutigt (61 %), wurde unsicher (53 %) und hatte mit abnehmendem Selbstvertrauen zu kämpfen (50%).

Unabhängig davon, ob ein anderer Lehrer für die gleiche fachliche Leistung die gleiche, eine bessere oder eine schlechtere Note gegeben hätte, sprich ob man die Note tatsächlich als ungerecht beurteilen kann: Viele Schüler fühlen sich durch nicht erwartungskonforme Noten in ihrer Persönlichkeit zurückgesetzt.

Als Gründe für die ungerechte Beurteilung nennen die Schüler unter anderem irrelevante Urteilskriterien, Vorurteile, Willkür, und den Einfluss leistungsunabhängiger Faktoren (vgl. Weiß & Krumm 2006). Vielleicht geht es deshalb ja gar nicht um die Frage, Noten oder nicht, sondern darum, dass, erstens, die Urteilskriterien und somit die auch Bewertung transparent ist, und zweitens, dass Lob in gleichem Maße geäußert wird, wie Kritik, und somit klar wird, aus welchen negativen und positiven Aspekten der erbrachten Leistung sich die Note zusammensetzt (beispielsweise mithilfe eines ausführlichen Bewertungsrasters, differenzierter Markierung, sprich in schriftlichen Arbeiten Positives mit grün und Verbesserungswürdiges mit rot markieren und – je nach Situation – durch ein ausführliches mündliches oder schriftliches Feedback).

Bei der Diskussion um Noten geht es doch im Prinzip um eine Diskussion um Fairness. Wer die Abschaffung von Noten fordert, wünscht sich Fairness in Form von differenziertem Feedback. Stärken und Entwicklungspotenziale sollen im Mittelpunkt stehen, statt das in rot markierte und auf eine Zahl reduzierte Gut, Mittel oder Schlecht. Die Befürworter von Noten argumentieren erstens mit dem erhöhten Zeitaufwand von ausführlicherem Feedback und zweitens damit, dass ausführliche Bewertungen letztlich zu den jeweiligen Noten äquivalent seien, insbesondere, wenn es nachher auf das Zusammenfügen vorformulierter Textbausteine hinausläuft. Mehr Zeit braucht es in jedem Fall, wenn ich fair sein will. Eine Bewertung, die respektvoll und differenziert sein soll, braucht ihre Zeit, vor allem, wenn man sich vor Augen führt, welche Auswirkungen es auf die Kinder und Jugendlichen haben kann, wenn sie sich ungerecht beurteilt oder unfair behandelt fühlen. Textbausteine sind natürlich so oder so zu vermeiden – ob nun als alleinige Bewertungsstrategie oder als erklärende Hinführung zu einer Note. Textbausteine stellen hinter den Punkt Fairness ein ebenso großes Fragezeichen wie eine unerklärte oder unter nicht transparenten Bedingungen oder lediglich mit einem vagen, unverständlichen oder flapsigem Kommentar versehene Note.

Eine respektvolle Bewertung erfordert meine Erachtens also in jedem Fall einen (kurzen) und präzisen Kommentar, der die Leistungsanforderungen mit der erbrachten Leistung in Bezug setzt und dabei die Stärken mindestens so deutlich herausstellt, wie die Entwicklungspotentiale. Und am allerwichtigsten: Der Ton macht die Musik. Selbst wenn ein Kommentar fachlich/sachlich vollständig, präzise und korrekt ist, kann er – je nach Situation, Schüler, Vorgeschichte, usw. – kränkend wirken. Eine Note kann also respektvoll sein, wenn die Worte, mit der sie erläutert wird, respektvoll sind – UND wenn der Schüler auch sonst das Gefühl bekommt, das er grundsätzlich, egal wie er in einer Prüfung abgeschnitten hat, erst einmal okay ist. Leistungsbeurteilung geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern es schwingt immer ein bisschen auch das Gefühl mit, als Mensch beurteilt zu werden (wie auch die Studie von Krumm & Weiß zeigt) – bei dem einen Schüler mehr, bei dem anderen weniger. Wir können als Lehrer sicherlich durch Noten (oder andere Leistungsbeurteilung) bedingte Frustration nicht vollständig abschalten. Aber vielleicht können wir durch unsere grundsätzliche Haltung, die wir den Schülern entgegenbringen, ihnen immer wieder signalisieren, dass sie als Mensch angenommen sind.

Und in der Regel begegnen uns die Menschen am Ende so, wie wir ihnen begegnen… und welche Lehrerseele wünscht sich nicht genau das: auch als Mensch angenommen zu sein?

Krumm, V. & Weiß, S. (2006). „Ungerechte Lehrer. Zu einem Defizit in der Forschung über Gewalt an Schulen.“ In: W. Melzer (Hrsg.), Gewalt an Schulen. Analyse und Prävention, Gießen: Psychosozial-Verlag, 123-146.

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Kategorien:Beziehungsarbeit, Herausforderungen

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  1. Eine Transparenz in Bezug auf die Festsetzung der Noten ist auf jeden Fall überfällig. Wie oft hat man in der Schule selber gedacht „Wie ist er/sie denn nun auf diese Note gekommen?“ – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Wobei es bei einer Note, die schlechter war als erwartet, natürlich z.T. die o.g. Folgen haben konnte… Ein differenzierteres Feedback wäre also tatsächlich wünschenswert, damit man das Gefühl hat, vom Lehrer ernstgenommen zu werden und auch Entwicklungsmöglichkeiten sieht. Statt nur in einem meist knappen Kommentar zu lesen, was man falsch gemacht. In Bezug auf Notengebung bzw. Korrekturen wäre es auch schön, wenn nicht nur von Schülern erwartet wird, klar und deutlich zu schreiben, sondern auch von Lehrern in Ihrem Feedback. Meist konnte man das, was der Lehrer/die Lehrerin dort hingekritzelt hatte nämlich gar nicht entziffern…Eine klare Ausdrucksweise sollte also auf beiden Seiten herrschen. Auch eine Form von Respekt…

  2. Das sehe ich genauso… wichtig finde ich auch, dass abgesehen von der Lesbarkeit auch inhaltlich für Verständlichkeit gesorgt wir. Wenn beispielsweise unter der Englischarbeit eines Sechstklässlers steht „Achte auf idiomatische Wendungen!“ können in der Regel weder der Schüler, noch ihre Eltern (es sei denn sie sind vom Fach) etwas damit anfangen. Respekt heißt hier deswegen vielleicht auch, dem Gegenüber auf einer Ebene zu begegnen, auf der man sich gegenseitig verstehen kann. Denn für den ein oder anderen ist es vielleicht doppelt entmutigend bei einer unzufriedenstellenden Note noch nicht einmal zu verstehen, was genau er falsch gemacht hat bzw. woran er arbeiten kann.

  3. Ich darf allerdings bei großer prinzipieller Zustimmung in der Sache selbst in pragmatischer Perspektive unterstreichen, dass das tatsächlich ein sehr großer Zeitaufwand für Lehrer wäre. Allein bei Ziffern graust es den Lehrkräften schon vor den Zeugniskonferenzen. Als Lehrer hat man ja teilweise 10 und mehr Klassen. Das sind pro Schulhalbjahr ca. 250-300 Noten!! Macht man sich nur fünf Minuten Gedanken zur Note (man hat ja seine Aufzeichnungen), dann sind das 20-25 Stunden allein dafür. Und bei vielen Schülern überlegt man ja doch länger hin und her.
    Verfasste man da jeweils einen Kurztext, der dabei auch noch möglichst motivierend und wenig schematisch ist, wäre das nur im Rahmen von zusätzlichen Budgets, die für diese Zeit zur Verfügung gestellt würden, zu bewältigen.
    Aber wer will die bezahlen? Es gibt (Reform)Schulen, die die summativen Leistungsbewertungen durch formative ersetzt haben und z.B. an Ganztagsschulen auch Erfolge in den Freizeitaktivitäten am Nachmittag hervorheben, was ich für ganz ausgezeichnet halte. Aber ohne entsprechende Strukturen, d.h. entsprechende Zeit, die für die Lehrkräfte eingeräumt wird, ist das nur schwer zu verwirklichen und bleibt Idealismus.

  4. Natürlich wäre es auch wünschenswert, wenn jedes Zeugnis zusätzlich auch ein ausformuliertes Feedback enthalten würde… aber als allererstes denke ich bei dem, was ich geschrieben habe, an Klassenarbeiten und die Bewertung von mündlichen Leistungen. Und da ist ein Kommentar ja so oder so erforderlich (auch wenn es immer noch Lehrer gibt, die eine Note kommentarlos vergeben und den Schüler damit – je nach Note – nicht nur vor den Kopf stoßen, sondern auch damit allein lassen, ein Packende für Verbesserungen zu finden). Wenn während des Schuljahres immer wieder deutlich gemacht wird, aus welchen positiven und negativen Aspekten sich genau eine Note zusammensetzt und das auf respektvolle Weise kommuniziert wird, spricht ja nichts (oder nicht mehr so viel) dagegen, dass auf einem Zeugnis dann am Ende nur eine Note steht – auch wenn auch hier der differenzierte Kommentar wünschenswerter wäre. Der Zeitaspekt kann dabei aber ja natürlich nicht ignoriert werden. Jedoch wiegt dieser bei einer Verteilung des Aufwandes über das Schuljahr weniger schwer, als bei einem akkumlierten Aufwand vor den Zeugniskonferenzen. Vor allem steht m. E allerdings die Haltung, die wir den Schülern entgegenbringen, im Vordergrund. Merkt der Schüler, dass wir ihn unabhängig von seiner Leistung als Mensch annehmen und wertschätzen oder fühlt er sich von uns durch eine wortkarge und schwächenfokussierte Leistungsbewertung auch als Mensch bewertet? Und um eine respektvolle Haltung zu vermitteln, gibt es sicherlich viele Möglichkeiten… die oben genannte ist vielleicht eine davon! =)

  5. Bei uns an der Schule sind Lehrer sogar verpflichtet einen individuellen Lerntipp unter die Klassenarbeiten zu setzen. Gibt Haue vom Chef, wenn nicht.

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