schule mit respekt.

teachers are respectable only as they respect

Warme Dusche.

„Warme Duschen“ können wahre Wunder bewirken. Vor allem, wenn es sich dabei um einen Regen aus wohlmeinenden, wertschätzenden Worten handelt. Viele Pädagogen kennen sie, die Methode, bei der sich die Schüler sich gegenseitig das Positivste sagen oder aufschreiben sollen, was ihnen zu dem Anderen einfällt. Dabei soll am Ende niemand zum Warmduscher werden, sondern es soll –  in einer Gesellschaft, in der Kritik viel leichter über die Lippen geht als Lob – signalisiert werden ‚Du bist gut, so wie Du bist.‘ Auch wenn sich das zunächst banal anhört; viele Kinder und Jugendliche sind sich da gar nicht so sicher, wie ‚okay‘ sie sind und wie sie von ihrem Umfeld empfunden werden – vor allem während der Pubertät, wenn das Leben ohnehin gefühlt auf dem Kopf steht und die Rolle in der Klasse, in der Clique, in der Gesellschaft, im eigenen Leben erst noch gefunden werden muss.

Dass das funktioniert, durfte ich selbst schon erleben:

Ich hatte die Klasse bereits ein halbes Jahr in Spanisch und mein Eindruck war, dass die Cliquenbildung mindestens genauso stark zunahm, wie die Vorurteilsäußerungen – wie zum Beispiel „Russen und Türken verstehen sich grundsätzlich nicht!“. Ich dachte, dass es helfen könnte, wenn man es schaffen würde, den Fokus von ‚Nationalität‘ auf ‚Mensch‘ zu lenken; wenn Ali nicht mehr nur der Türke und Alexej nicht mehr nur der Russe ist, sondern wenn beide sehen, dass der andere menschlich eigentlich „ganz korrekt“ ist. Was die Cliquen anging, hatte ich den Eindruck, dass es vor allem die geteilten Feindbilder, negative Ansichten über Dinge, Personen und Personengruppen waren, die sie zusammengehalten haben. Kurz vor den Weihnachtsferien investierte ich also eine Viertelstunde in die Vorbereitung zur warmen Dusche. Jeder bekam ein Blatt auf dem die Namen aller Schüler der Klasse standen und den Auftrag, zu jedem der Klassenkameraden das Positivste aufzuschreiben, was ihm einfällt! Nachdem die fragenden Blicke, das Stirnrunzeln und Lachen verebbt war und die Meisten dachten und schrieben, kam irgendwann, wie zu erwarten war, der Einwand: „Es gibt aber Leute, über die kann ich nix Gutes sagen!“. „Denk nochmal nach, ich wette, Dir fällt was ein“, meinte ich und hatte insgeheim Zweifel, was die Motivation anging über Mitschüler, an denen man sonst kein gutes Haar lässt, nochmal ‚genau nachzudenken‘. Schließlich war es das erste Mal, dass sie so etwas machten, es wusste keiner so genau, worauf das hinauslief und es gab dafür keine Noten, somit war der erkennbare persönliche Gewinn zunächst also scheinbar gering. Dennoch, es wurde fleißig geschrieben und über mehrere Minuten hinweg war es in der Klasse komplett still.

Es war ein Experiment und ich wusste nicht, wohin es führt. Umso bewegter war ich, als ich später das erste Mal auf die ausgefüllten Zettel schaute. Wahrscheinlich hatte ich selbst nicht geglaubt, dass so viele sich über Leute, die sie sonst ablehnten, ernsthafte Gedanken machen würden, ob ihnen nicht doch etwas Positives einfällt. Manchmal konnte man förmlich lesen, wie groß der Sprung über den eigenen Schatten war. Der Wille war in den allermeisten Fällen da und häufig sogar noch mehr als das. Es war bemerkenswert, wie differenzierte Gedanken sich einige gemacht haben und auch Ali und Alexej haben den Schattensprung gewagt! Jeder bekam zu Weihnachten einen Brief, es war eine Dusche an wertschätzenden Worten aus den ‚eigenen Reihen‘, anonym aber warm. „Ich hätte echt nicht gedacht, dass ich so viele gute Seiten habe“, meinte ein Schüler nach den Ferien. Es wurde nicht gefragt, wer was über wen geschrieben hat… und trotzdem entstand wohl ein Gefühl, dass die Grundeinstellung füreinander, untereinander positiver war. Natürlich war nicht von heute auf morgen eitel Sonnenschein. Aber das Arbeiten in Gruppen lief einfach runder, es wurde sich vermehrt auch mal mit jenen unterhalten, die nicht zur gleichen Clique gehörten und es war in der Tendenz mehr ein Miteinander als ein Gegeneinander. Als größtes Geschenk empfand ich allerdings, dass sich alle Schüler der Klasse am Ende des Schuljahrs in ihrer Freizeit zu einem selbstgeplanten und -organisierten Picknick verabredeten – einfach weil man sich untereinander vor den Ferien nochmal sehen wollte.

Sicherlich waren es viele Faktoren, die das am Ende möglich gemacht haben und bestimmt ist die „warme Dusche“ – ob über gesprochene oder geschriebene Worte – kein Allheilmittel. Aber sie schafft sicherlich zwei Dinge: dass der ‚Wertgeschätzte‘ sich in der Gruppe angenommen(er) fühlt und dass der ‚Wertschätzende‘ durch die positiven Gedanken, die er sich über die andere Person macht, seine Haltung dem anderen gegenüber automatisch verändert; er öffnet quasi gedanklich eine Tür. Und wie es so häufig ist, aus Gedanken werden (wenn auch unbewusst) Worte und auch Worte werden Taten.

Genau aus diesem Grund ist die „warme Dusche“ nicht nur ein chancenträchtiger Weg für Schüler, sondern eine Strategie, die auch Lehrer ganz bewusst für sich einsetzen können. Denn auch wir Lehrer sind ja nicht (vor)urteilsfrei. Kevin, Chantal und Jacqueline haben es nachgewiesenermaßen bei einigen Lehrern schwerer auf einen grünen Zweig zu kommen als Marie, Richard oder Alexander. Die Streberin in der ersten Reihe nervt den einen, während der vorlaute Klassenclown den anderen auf die Palme bringt. Manchmal ist uns auch gar nicht so ganz klar, warum ein Schüler bei uns negative Gefühle auslöst. Vielleicht erinnert uns ein Schüler auch nur an jemandem, mit dem wir schlechte Erfahrungen gemacht haben. Das ist völlig menschlich! Und wenn uns das bewusst wird, kann die „warme Dusche“ eine Strategie sein, damit umzugehen, um dem Schüler wieder fair begegnen zu können. Dabei geht es weniger um einen warmen Regen per Brief, sondern es ist mehr eine mentale warme Dusche: man überlegt sich aktiv, was einem zu dem Schüler Positives einfällt. Und wenn einem nichts einfällt, weil alle negativen Erfahrungen und Gedanken zu dem Schüler noch überwiegen, versucht man in den kommenden Stunden ganz gezielt darauf zu achten: Was macht dieses Kind, diesen Jugendlichen, diesen Menschen besonders? Vielleicht hilft dabei der Gedanke, dass jeder von uns gleich viele Stärken und Schwächen hat. Und auch wenn man zunächst denkt, was soll das ändern, wenn ich jetzt darüber nachdenke, was an der Person gut ist  – am Ende bestimmt unsere Haltung ja, wie wir Dinge wahrnehmen, wie wir Verhalten von Menschen bewerten, worauf wir den Fokus legen und deshalb auch wie wir agieren und reagieren. Wir schaffen uns damit im Prinzip eine bessere Grundlage für mehr Fairness im Umgang mit den Schülern, die dadurch die Gelegenheit bekommen, sich angenommen zu fühlen und zu wissen „Ich bin okay“.

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Kategorien:Beziehung gestalten, Beziehungsarbeit

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