schule mit respekt.

teachers are respectable only as they respect

Machtgebrauch.

Gewalt in der Schule – ein Thema über das man seit den 1990er Jahre viel hört und liest. Wer dabei Täter und Opfer ist, ist klar. Oder?

Bis sich Volker Krumm 1997 mit dem Thema befasst, wurden sowohl in der Forschung, als auch in den Medien vor allem Schüler als die ‚Gewaltausübenden‘ angeprangert: Schüler, die ihre Fäuste oder sogar Waffen gegen ihre Mitschüler und Lehrer erheben, stehen immer wieder  im Fokus der Aufmerksamkeit. Mit seinem Artikel „Gewalt in der Schule – auch von Lehrern“ enthüllt Krumm et al. (1997) damit ein Tabu in der Forschung über Gewalt in der Schule: Gewalt, die von Lehrkräften gegenüber ihren Schutzbefohlenen ausgeübt wird. In seinen Studien zwischen 1999 und 2006 zeigt er, dass es sich dabei weniger um körperliche, rohe Gewalt, als um verbale, psychologische Gewaltformen handelt, dessen Folgen jedoch mitunter nachhaltiger und weitreichender sein können, als ein Fausthieb. Da der Gewaltbegriff weitläufig jedoch eher mit körperlichem Angriff in Verbindung gebracht wird, was im Dialog über verletzende Lehreräußerungen zu Abwehrreaktionen führen kann, entschied sich Krumm später zugunsten einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Thema, nunmehr von ‚Machtmissbrauch‘, ‚verletzendem‘ bzw. ‚kränkendem Lehrerverhalten‘ zu sprechen.

Krumm zeigt in einer Studie, in der er 3.000 Studierende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragte, dass rund 80 % der jungen Leute in ihrer Schulzeit verletzendes Lehrerverhalten erlebt haben. Knapp 60 % wurden von einer Lehrkraft vor anderen bloßgestellt, 45% wurden schon von ihrem Lehrer oder ihrer Lehrerin beschimpft oder beleidigt und 30 % wurden für dumm befunden (vgl. Krumm & Weiß 2005). Vielleicht war dem betreffenden Lehrer nicht bewusst, dass ihr Verhalten auf den Schüler kränkend wirkt. 13 % der Befragten glauben rückblickend sogar, dass der Lehrer eigentlich eine gute Absicht hatte, diese aber nicht in der erwünschten Form ankam und weitere 22 % nehmen an, dass der Lehrer sich von ihm, dem Schüler, herausgefordert gefühlt hat. Die Mehrheit der Schüler hatte jedoch den Eindruck, dass der betreffende Lehrer mit seinem Verhalten vor allem seine Macht demonstrieren wollte.

Unabhängig davon, wie die Intention des Lehrers aussah und ob sie ihm bewusst war oder nicht, er hat in dem Moment des Vorfalls seine Macht, die er als Lehrer und Erzieher naturgemäß besitzt, nicht angemessen gebraucht. Die Tatsache, dass über 60 % der Schüler die Kränkung als schwer oder sehr schwer empfunden haben, zeigt den Grad des Einfluss von Lehreräußerungen auf den Schüler. Und eben durch diese Macht und den damit verbundenen Stellenwert, den die Meinung des Lehrers auf seine Schüler hat, können achtlose Äußerungen und Verhaltensweisen äquivalent weitreichende Folgen für den Schüler haben. So gaben knapp 60 % der befragten Schüler an, dass sie sich durch das verletzende Lehrerverhalten ihr Selbstvertrauen abnahm und sie sich unsicher und entmutigt fühlten. 45 % hatten anschließend Angst vor den Stunden bei dem entsprechenden Lehrer, über 60 % konnten sich im Unterricht schlechter konzentrieren und 40 % fühlten sich mit der Situation überfordert oder sogar ohnmächtig. Bei einigen Schülern hatten die Kränkungen sogar körperliche Auswirkungen: fast 50 % der Befragten schliefen schlechter, 17 % hatten Kopfschmerzen und 5 % litten unter Übelkeit.

Das alles zeigt, welche Auswirkungen es haben kann, wenn die Macht und der Einfluss, den Lehrer besitzen, ohne Bedacht gelebt oder sogar missbraucht statt mit Verantwortung um Bedacht gebraucht werden. So sind Krumm’s Forschungsergbnisse nicht nur erschreckend und deprimierend, sondern sie bergen auch die Chance auf eine positive Erkenntnis: durch unseren Einfluss, haben wir als Lehrer die Möglichkeit, unsere Schüler dabei zu unterstützen, an sich zu glauben, bei Misserfolgen nicht aufzugeben, sondern aufzustehen und einen anderen Weg auszuprobieren. Mit einer respektvollen Haltung können wir sie motivieren sich selbst anzunehmen und den anderen zu achten, also gleichzeitig selbstbewusst und respektvoll zu sein.

Natürlich – selbst wenn man sich die Verantwortung, die mit dem Einfluss einhergeht, bewusst macht und die ‚Macht‘ gegenüber den Schülern mit Bedacht gebraucht, ist man sicherlich trotzdem nicht davor gefeit, dass eine Äußerung ungewollt auf einen Schüler kränkend wirkt. Arbeit mit Schülern ist Beziehungsarbeit und selbst wenn man die besten Absichten verfolgt, kann mal etwas schiefgehen. Aber so wie auch in anderen Beziehungen kann hier sicherlich eine offene Kommunikationskultur schlimmere Folgen verhindern (siehe auch 5 Minuten Beziehungsarbeit). Ich denke, die meisten Schüler spüren, welche Haltung ein Lehrer ihnen gegenüber hat und ordnen in den meisten Fällen die Äußerungen ihres Lehrers dementsprechend ein. So wird eine Äußerung von einem Lehrer, der eine genervte und herablassende Haltung ausstrahlt, wahrscheinlich häufiger als Kränkung aufgefasst als bei einem Lehrer, bei dem Respekt und Wertschätzung mitschwingt.

Aber nicht nur zwischen Lehrern und Schülern, sondern auch zwischen den Lehrern kann – nicht nur für die hier beschriebene Problematik – eine offene und vertrauensvolle Kommunikationskultur von Vorteil sein. Denn sicherlich nicht alle Kränkungen sind eine Folge von fehlendem Verantwortungsbewusstsein, sondern vielmehr von Hilflosigkeit. Privater Stress, Zeitdruck, Unterrichtsstörungen und vieles andere mehr können dazu führen, dass man aus Überforderung etwas sagt, z. B. um eine unangenehme Situation möglichst schnell zu beenden und dabei, ohne es zu wollen, einen Schüler verletzt. In solchen Situationen ist es hilfreich, wenn man anschließend mit Kollegen einen offenen Dialog führen kann; wenn man Raum bekommt für Fehler, für Fragen und auch für Hilflosigkeit – ja für’s Menschsein, ohne Angst haben zu müssen, für sein Verhalten verurteilt zu werden. Es geht nicht unbedingt nur um Ratschläge, sondern darum sich verstanden zu fühlen von Menschen, die vielleicht Ähnliches erlebt haben, die aktiv zuhören und mit denen man sich gegebenfalls über Handlungsalternativen austauschen kann.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in vielen Lehrerzimmern der gegenseitige Austausch über kritische zwischenmenschliche Lehrer-Schüler-Kommunikation vor allem durch gegenseitiges Leidklagen über die „schwierigen Schüler“ geprägt ist. Den eigenen Anteil an missglückter Kommunikation anzuerkennen und dann auch noch zu kommunizieren bedarf nicht nur einem gewissen Maß an Selbstreflexion, sondern auch Vertrauen zu den Menschen, mit denen man darüber spricht. Natürlich entsteht ein solches Vertrauensverhältnis nicht von allein. Umso mehr sehe ich die Schulleitungen in der Pflicht eine Kommunikationskultur zu fördern, die durch Vertrauen, Offenheit und Authentizität geprägt ist. Eine Möglichkeit, die einige Schulen (und andere Institutionen, in denen so eng mit Menschen zusammengearbeitet wird) wählen, ist die Einrichtung von Supervisionsgruppen, in denen ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch und Coaching stattfindet.

Krumm, V., Lamberger-Baumann, B., Haider, G. (1997). „Gewalt in der Schule – auch von Lehrern.“ In: Empirische Pädagogik 2, S. 257-275.

Krumm, V. & Weiß, S. (2005). „Was Lehrern Schülern antun. Ein Tabu in der Forschung über Gewalt in der Schule.“ In: Grundner, H.-U. (Hrsg.): Und nun endlich an die Arbeit!. Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren (2005) S. 252-266.

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Kategorien:Beziehungsarbeit, Herausforderungen

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1 Antwort

  1. In 10 Jahren päd. Studien und als Lehrer bin ich in viele Schulen gekommen und habe Prozesse und die Wirkung der Beteiligten untersucht.
    Schon im Praktikum am Anfang fiel mir auf, dass die Probleme, wenn der Lehrer / die Lehrerin um ein Kind einzeln kümmerten, hinterher immer größer waren als vorher.

    Schon UNTERricht ist in seiner Wirkung Gewalt.
    Unterricht richtet nach unten.
    Man macht in unseren „Schulen“ DRUCK, wenn man zu erZIEHen vorgibt.
    Mit DRUCK ist es aber nicht ErZIEHung sondern ErDRÜCKung.
    Druck drückt nach unten.
    Menschen nach unten richten / drücken, das ist eine Gewalttat.

    Für die neue Ich-kann-Schule habe ich deshalb SOG als Grundprinzip gewählt.
    Das bedeutet praktisch: Es liegt an mir, mir was ein- / auf-fallen zu lassen, was ZIEHT.
    Ich spüre den Hunger von Geist und Seele und quälen deren feine Kräfte nicht mit Übungen matt und platt.
    Die SOG-Wirkung, die von diesem HUNGER ausgeht, zeigt mir wie wichtig es ist, die entscheidenden Lebenskräfte zu achten, zu stärken, zu pflegen und mit ihnen bestens zusammenzuarbeiten.
    Als Ich-kann-Schule-Lehrer nötige ich die Kräfte & Talente nicht in vorgegebene SCHABLONEN sondern ich begeistere mich dafür, dass die TALENTE meiner Schüler über alle Schablonen hinauswachsen werden.
    Andere streiten dafür, dass die Kinder diese Talente gar nicht haben, ich begeistere mich gerade für diese angeblich „wissenschaftlich abgesichert“ nicht vorhandenen Kräfte. Das danken mir diese feinen, genialen Talente: Bei mir kommen sie wieder raus.
    Ätsch!
    Ich kann nur dringend einen anderen Umgang mit Talenten empfehlen.
    Ich wünsche guten Erfolg.
    Franz Josef Neffe

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